Jodelwild mit Sylvia

Dieser Beitrag wurde zuletzt am 3. August 2026 aktualisiert.

Bis zum maximalen Kontrollverlust

Heeeeeeeeh! Haaaaaah! (singend) – Es geht immer nur darum innere Räume zu öffnen. Jollahohiiiiiiiihjuuuuujiiiih! (jodelnd)“

Und schon sind wir mittendrin im Interview mit Sylvia Richard-Färber, die ich im IQ Murnau, dem Innovationsquartier in Murnau am Staffelsee, treffe. Wenn du mit Sylvia über die Musik und das Musizieren sprichst, wird viel gesungen (oder eben gejodelt). Als ich Sylvia zufällig ein paar Wochen vorher kennengelernt habe und sie mir von Jodelwild erzählt hatte, war mir schnell klar, dass ihre Idee oder Initiative hier im murnauer.blog reinpasst.

Denn Jodeln? Das klingt zunächst einmal nach Bergen, Almen und vielleicht einer Lederhose. Nach Heimatabend und „Holz vor der Hütt’n“. Aber genau dieses Bild möchte Sylvia Richard-Färber ein wenig aus dem Kopf bekommen.

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„Jodeln ist mehr als nur eine Tradition der Alpenvölker“, sagt sie. Für sie ist es eine archaische Stimmtechnik, die auf der ganzen Welt zu finden ist – in den Alpen ebenso wie in Afrika, Osteuropa, auf Hawaii oder in der Mongolei. Auch Blues, Jazz und Country bedienen sich dieser ursprünglichen Form des Singens. Je nach Region klingt sie anders und trägt andere Namen.

Und dann gibt es da noch das kleine Wort „wild“.

Jodel … wild – Was steckt hinter Jodelwild?

„Jodel“ steht für die ursprüngliche, archaische Gesangsweise. „Wild“ beschreibt das, was Sylvia daraus macht: ein musikalisches Crossover aus Folk, Blues, Scat’n’Rap und Weltmusik, aus Balladen, Songs, Chansons und meditativen Klängen. 2023 hat sie Jodelwild gegründet und damit ihre ganz eigene musikalische Ausdrucksform entwickelt.

Die Idee dazu kam ihr ausgerechnet beim Autofahren nach Murnau. Kurz hinter Spatzenhausen öffnet sich das Bergpanorama. Sylvia sah die Berge, wurde glücklich – und begann zu singen und zu jodeln.

„Da habe ich gedacht, wenn mich das Jodeln glücklich macht, kann dies auch für andere Menschen gelten.“

Gesagt, getan. Mit Unterstützung von Herrn Barton, dem Leiter der VHS Murnau, konnte sie ihre Idee in die Tat umsetzen. Die Kurse wurden schnell erfolgreich. Heute ist daraus mehr geworden als ein Jodelkurs. Es gibt das Jodelwild-Ensemble, eigene Kompositionen und eine musikalische Welt, in der Improvisation, Bewegung, Performance und mehrstimmige Klangfarben genauso ihren Platz haben wie das archaische Jodeln.

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Von der Oper zum Jodeln

Dass Sylvia weiß, was sie mit einer Stimme anfangen kann, ist keine Überraschung. Sie hat klassischen Gesang in Zürich und Lausanne studiert und ihre Ausbildung mit zwei Preis-Stipendien in Paris und Wien abgeschlossen. Geboren wurde sie in München, aufgewachsen ist sie in der Schweiz. Als Solistin konzertierte sie in Deutschland, der Schweiz und Österreich und sogar in den USA.

Oper hat sie gesungen – aber irgendwann zog es sie stärker zum Konzert, zum klassischen Lied und besonders zur Barockmusik. Gleichzeitig war da immer diese Neugier auf andere musikalische Welten: Musical, Chanson, Rock’n’Roll und Blues. Die großen Rockbands ihrer Zeit hat sie in der Schweiz live erlebt.

Nach ihrer Opernlaufbahn arbeitete sie sich intensiv in den Blues ein und gründete 2017 gemeinsam mit ihrem Mann Stephan Färber die Chihuahua Blues Company.

Diese Offenheit für unterschiedliche Musikrichtungen scheint heute ein wesentlicher Bestandteil von Jodelwild zu sein.

Und vielleicht liegt darin auch eine Erklärung dafür, warum Sylvia das Jodeln nicht als musikalische Sackgasse betrachtet, sondern als Ausgangspunkt.

Warum aber ausgerechnet Jodeln?

Sylvia muss darüber nicht lange nachdenken: „Jodeln ist wie Jubeln, macht fröhlich und schafft eine gemeinschaftliche Atmosphäre.“

Das Wort „Gemeinschaft“ fällt überhaupt ziemlich oft, wenn Sylvia von Jodelwild erzählt. Jodeln sei kommunikativ und mache in der Gemeinschaft am meisten Spaß. Es verbindet Menschen, Kulturen und schafft für sie eine direkte Verbindung zu unseren Ursprüngen.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum musikalische Vorkenntnisse bei ihr nicht an erster Stelle stehen.

Was man mitbringen muss?

Freude.

„Es reicht, wenn Du Freude verspürst.“

Das klingt erstaunlich einfach. Und gleichzeitig ziemlich sympathisch.

Bis zum maximalen Kontrollverlust

Dann kommen wir auf eine Formulierung zu sprechen, die mir bei Jodelwild besonders im Gedächtnis geblieben ist: Jodeln bis zum maximalen Kontrollverlust.

Das klingt zunächst nicht unbedingt nach dem, was man in einem professionellen Gesangstraining erwarten würde.

Sylvia meint es allerdings ziemlich ernst.

Den Kontrollverlust benutzt sie als Werkzeug, um den „inneren Zensor“ zu sabotieren. Eine starke Kieferspannung etwa könne verhindern, dass die Stimme frei wird. Werden solche muskulären Verspannungen gelöst, können für Sylvia auch unterdrückte Emotionen frei werden. „Klingen ist körperlich spürbar, akustisch hörbar und emotional fühlbar“, erklärt sie.

Das Jodeln wird damit fast zu einer kleinen Mutprobe: Wie weit traue ich mich, meine Stimme tatsächlich herauszulassen?

Und vielleicht noch wichtiger: Wie sehr traue ich mich, dabei nicht perfekt sein zu wollen?

Plötzlich können sie singen

Sylvias Unterricht beginnt durchaus professionell. Mit ihrem BalancedVoiceConcept hat sie ein Stimmtraining entwickelt, das ursprünglich für sie selbst gedacht war und später zum pädagogischen Fundament ihrer Konzerttätigkeit und ihrer internationalen Meisterklassen für Gesang und Liedgestaltung wurde. Die Methode ist über Jahrzehnte auf der Bühne gewachsen – in Oper und Konzert, als Singer-Songwriterin und als Bandleaderin.

Danach darf es wild werden.

Weltmusikalisches Jodeln, freies Musizieren, Bewegung, Body-Percussion, Tamburin, mehrstimmige Improvisation, Call-and-Response oder Singen mit der Kazoo gehören zu ihrem Repertoire. Wenn das Wetter passt, geht es auch nach draußen in die Natur.

Und was überrascht Anfänger am meisten?

Sylvias Antwort ist wunderbar knapp:

„Dass sie plötzlich singen können.“

Ich muss dabei an den Raum denken, in dem wir gerade sitzen. An die Instrumente, die überall herumstehen. An die Menschen, die gleich hier zusammenkommen werden. Vielleicht geht es bei Jodelwild tatsächlich um etwas sehr Einfaches: sich selbst zu erlauben, einen Ton von sich zu geben.

Und vielleicht sogar noch einen zweiten.

Eine Voralpenländerin

Sylvia ist Münchnerin und Schweizerin. Sie bezeichnet sich selbst als „Voralpenländerin, durch und durch“. Berge, Seen, Föhn, Gemüt und Eigensinn gehören für sie zusammen. Und auch das Schweizerische „Läbe-und-läbe-laa“ – leben und leben lassen.

„Da muss man doch Juchzen und Jodeln.“

Ihre Wurzelsprache ist Schweizerdeutsch, viele ihrer Texte schreibt sie darin. Auch mit der Chihuahua Blues Company hat sie Schweizerdeutsches verarbeitet und unter anderem für das Schweizerische Generalkonsulat in München gespielt.

Die Landschaft rund um Murnau scheint für sie dabei nicht bloß Kulisse zu sein. Der Blick auf die Berge war schließlich der Auslöser für Jodelwild.

„Es fühlt sich für mich an wie ein nie enden wollendes Erstaunen, hier leben zu dürfen.“

Musiker, Maler, Schriftsteller und alle Menschen, die diese Landschaft lieben und ehren, ließen und ließen sich von ihrer besonderen Atmosphäre beschenken und inspirieren, sagt Sylvia. Sie selbst eingeschlossen.

Zurück zur Hausmusik

Was kommt als Nächstes?

Sylvia erzählt von einer Idee, die eigentlich ziemlich alt ist: Hausmusik.

Sie ist damit aufgewachsen. Abends nach dem Essen zusammensitzen und gemeinsam musizieren – für sie gibt es kaum etwas Schöneres.

Und vielleicht steckt darin auch schon das, was sie sich für Jodelwild wünscht.

Nicht die perfekte Performance. Nicht die große Bühne. Nicht das möglichst fehlerfreie Singen.

Sondern wieder hören lernen.

„Zuhören, mithören, auf sich selbst hören.“

Sylvia möchte Mut machen zum musikalischen Experiment und zum persönlichen Ausdruck. Zu Inspiration und Freude. Und zu einem gemeinschaftlichen Miteinander.

Inzwischen höre ich aus einem anderen Teil der Kapelle Stimmen. Das Ensemble trudelt ein. Instrumente werden bewegt, Menschen begrüßen sich, irgendwo wird vermutlich schon der erste Ton ausprobiert.

Ich frage Sylvia zum Schluss, was sie sich wünscht, wenn die Menschen nach einem ihrer Kurse wieder nach Hause gehen.

Ihre Antwort passt eigentlich perfekt zu dem, was sie die ganze Zeit erzählt hat:

„Dass sie fröhlich und glücklich nach Hause gehen und Spaß am Leben haben.“

Dann wird es langsam Zeit für die Probe.

Und vielleicht ist das ja die schönste Sache am Jodeln: Man muss nicht unbedingt wissen, wohin der Ton führt.

Man muss ihn einfach einmal loslassen.

Jollahohiiiiiiiihjuuuuujiiiih!

Weiterführende Links:

Bildnachweise:
Die Fotos wurden dem murnauer.blog von Sylvia zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!
Beitragsfoto von Constanze Wild, Portraitfoto von Sabine Mey.

Veröffentlicht am
Pete vom murnauer.blog