Im Gespräch mit Ödön von Horváth

Der Ödön von Horvath Hut steht im Kulturpark Murnaut

Ödön von Horváth (1901-1938) taucht neben Gabriele Münter, Wassily Kandinsky oder Emanuel von Seidl als eine der am meisten genannten Murnauer Persönlichkeit auf. Das folgende (fiktiven) Gespräch mit Ödön von Horváth habe ich mir auf einer der Sitzbänke an der Kottmüller Allee vorgestellt. Inspiriert dazu hat mich die Lektüre einiger Werke von Horváth , der Horváth-Rundweg in Murnau und eine Internetrecherche zu Ödön von Horváth.

murnauer.blog: Grüß‘ Sie, Herr von Horváth!

Ödön von Horváth: Servus. Bitte Ödön.

Prima. Griaß‘ di Ödön! Dein Name wird immer erwähnt, wenn es um Murnauer Persönlichkeiten geht. Warum denkst du ist das so?

Ich gelte als einer der bedeutendsten deutsch-sprachigen Dramatiker des 20. Jahrhunderts. 1923 bis 1943 habe ich in der Villa meiner Eltern in der Bahnhofstraße in Murnau gelebt. Da ich mit nur 37 Jahren relativ jung gestorben bin, habe ich also etwa ein Viertel meines Lebens in Murnau am Staffelsee verbracht. Und in meinen Werken merkt man, wie mich das Leben im Oberland immer wieder inspiriert hat.

Einer der bedeutendsten deutsch-sprachigen Dramatiker des 20. Jahrhunderts

Und die Murnauer:innen versuchen daher dich, dein Leben in Murnau und dein Werk immer wieder zu ehren?

Ja, genau. Im Schloßmuseum Murnau gibt es die ständige Ödön-von-Horváth-Ausstellung im Dachgeschoss, es gibt in Murnau nicht nur einen Ödön-von-Horváth-Weg sondern auch den Ödön-von-Horváth-Platz direkt vor dem Kulturzentrum, und auf dem Horváth-Rundweg kannst du an verschiedenen Stellen nachlesen und hören, wie mein Leben in Murnau war und mich inspiriert hat.

Und dann gibt es noch die Ödön-von-Horváth-Gesellschaft, die sich auch um die Murnauer Horváth-Tage kümmern und den Ödön-von-Horváth-Preis verleihen.

Die Murnauer:innen machen ganz schön viel mit meiner Person, obwohl die mich damals gerne als einen „g’spinnerten Literat“ bezeichnet haben. Vielleicht haben die auch etwas schlechtes Gewissen, weil mein 1927 gestelltes Ansuchen um Einbürgerung abgelehnt wurde. (lacht)

Die Villa meiner Eltern in der Bahnhofstraße wurde dann auch abgerissen. Jetzt steht da ein Wohn- und Geschäftskomplex, das „Horváth-Haus“ mit einer Apotheke und Ärzten.

Jugend ohne Gott und Der ewige Spießer

Dein Roman „Jugend ohne Gott“, den ich das letzte Mal in der Schule lesen musste, habe ich nochmal im letzten Urlaub gelesen. Und auch „Der ewige Spießer“. Während die Aussage „Jugend ohne Gott“ erschreckend zeitlos und aktuell bleibt, empfand ich einige Aussagen in „Der ewige Spießer“ mit der Episode um den Herrn Portschinger für meine Urlaubslektüre nicht nur unterhaltsam, sondern sehr zukunftsweisend.

Ah ja, der Herr Portschinger. Welche Aussagen meinst du?

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Unterhaltungen während der Zugfahrt: „Es is scho schöner s im eignen Kabriolett als auf der stinkerten Bahn.“ Das denken sich sicher auch die Tagesausflügler aus der Großstadt, die jedes Wochenende mit dem Auto das Blaue Land überschwemmen statt mit der gut angebundenen Bahn her zu fahren. Und aber auch die Feststellung wenig später im Roman: „Ohne Fremdenverkehr dürfte die bayerische Eigenstaatlichkeit beim Teufel sein! Wir brauchen die norddeutschen Kurgäste, wir bräuchten auch die ausländischen Kurgäste, besonders die angelsächsischen Kurgäste.“

Schön, dass du das unterhaltsam findest. Die Kleinbürger und Charaktere um mich herum habe ich mir genau angeschaut und dann in meinen Stücken und Romanen verarbeitet. Die Zeit damals mit der aufkommenden Macht der Nationalsozialisten war aber nicht unterhaltsam. „Jugend ohne Gott“ spiegelt die ernste Stimmung wieder. Das Buch landete 1938 daher auch auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Die Villa meiner Eltern wurde nach der Machtübergreifung Hitlers 1933 von der SA durchsucht. Davor hatte ich der Kellnerin in der Hotel Post im Obermarkt zehn Mark gegeben, dass sie den Reichsempfänger, also das Radio, ausmachen soll über den eine Rede des damaligen Reichskanzler Adolf Hitler übertragen wurde. Daraufhin wurde es laut im Gastraum und ich wurde schließlich von der SA nach Hause begleitet. Das waren kalte Zeiten damals. Ich verließ daraufhin Murnau recht zügig.

Neben dem Gastraum im Hotel Post warst du angeblich auch Stammgast in der Fürst-Alm…

Die Fürst-Alm, den „schönsten Punkt am nördlichen Rande der bayerischen Alpen, den man mit Kraftfahrzeugen erreichen kann“, wenn ich mich selbst zitieren darf. (grinst) Ja, da war ich oft. Von dort hast du einen fantastischen Blick auf das Murnauer Moos, das Estergebirge und auch das Wettersteingebirge spitzt durch. Jetzt erinnert nur noch eine Schautafel an die damalige Fürst-Alm: auf dem Horváth-Rundweg kommst du daran vorbei.

Der Horváth-Hut im Kulturpark

Zum Schluss noch eine Frage zum Hut.

Zum Hut? Welcher Hut? (zieht die Augenbrauen fragend nach oben)

Der rote Hut, der Horváth-Hut, der im Kulturpark steht.

Ach so. Ja, also den Hut hat Murnau den Horváth-Tagen zu verdanken. Das ist eine Veranstaltung, die mein Werk und Leben ehrt. Der Hut als Skulptur existiert seit den Horváth-Tagen 2001. Da wäre ich 100 Jahre alt geworden. Inzwischen initiiert die Horváth-Gesellschaft die Horváth-Tage. Das nächste Mal finden die wohl 2022 statt. Hast du gewusst, dass der Hut anfänglich in der Murnauer Fußgängerzone stand, bevor er den jetzigen Platz im Kulturpark fand?

Nein, das wusste ich nicht. Und ich bin mir sicher, dass ich noch viel über Ödön von Horváth und Murnau lernen werde, wenn ich noch länger hier wohne.

Bestimmt. Dann treffen wir uns einfach nochmal. Dann erzähle ich dir auch die Geschichte, warum an der Ecke Untermarkt und Schloßbergstraße eine Weintraubenskulptur hängt. Als Cliffhanger, so sagt man doch jetzt, hier schon mal drei Schlagworte: Kirchmeir, Nationalsozialisten, Schlägerei.

Danke für das Gespräch und alles Gute, Ödön.

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