Der volle Globus

Die erschöpfte utopische Energie … Horváth: Der Traum einer humanen Gesellschaft

Ödön auf der Seidlbank

Schauen wir nach oben, Ödön, in diesen so verdammt schönen bayerischen Himmel, gerade jetzt in diesem November. Klar gezeichnete weiße Wolkenballen, ein scharf gerissenes graues Wolkenband zieht wie ein Raubfisch durch das Himmelsmeer. Und wir darunter? Ein Sandkorn, ein Mensch unter vielen. Verdammt vielen. Wie ich gelesen habe, wurde um den 15. November der achtmilliardste Mensch geboren. Eine Acht mit neun Nullen. Ziemlich voll der Globus. Zu viele? Das ist, grob gerechnet, zweitausendeinhundert Mal Berlin, das sind also sehr, sehr viele Sandkörner.

In diese Zahl des UN-Berichtes „World Population Prospects 2022“ fließen die Daten der Demografieforscher aus 237 Ländern. Ich hole Jochen Bittner auf die Seidlbank, Ressortleiter in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Also, werden wir zu viele für den Planeten? „Die Erde ist 4,5 Milliarden Jahre alt. Das Wachstum ist so alt wie die Menschheit, eurozentrisch betrachtet also sechs Millionen Jahre. In den vergangenen hundert Jahren hat das Wachstum eine Turbo-Karriere hingelegt. Ich habe in einem fiktionalen Streitgespräch zwischen Erde und Wachstum notiert, dass das Wachstum der Erde schon ein paar Mal den Hintern gerettet hat, zum Beispiel bei der Entwicklung der erneuerbaren Energie. Aber auch, dass das Wachstum das Klimarisiko unterschätzt hat. Doch Wissen und Erfindungen entstehen heute schneller als jemals in der Weltgeschichte.“

Kann man darum aber schon Öko-Optimist sein? Ich denke an Nietzsche. Der Friedrich spottete schon im vorletzten Jahrhundert über seine Zeitgenossen, die er die „letzten Menschen“ nannte, die ein Lüstchen für den Tag und ein Lüstchen für die Nacht haben, aber sonst leider recht bequem in ihren Ansichten seien. Und im letzten Jahrhundert stellte auch der große Philosoph Jürgen Habermas in seiner Sprachkunst eine „Erschöpfung der utopischen Energien“ fest. Das sei wie am Ende des 18. Jahrhunderts, wo die Ideale der französischen Revolution ja auch nicht ins goldene Zeitalter geführt haben, das der Aufklärer Immanuel Kant in Aussicht gestellt habe. Und 1986 warf dann der Soziologe Ulrich Beck sein Buch „Risikogesellschaft“ in die philosophische Welt. Hoch die Wellen, nicht nur im Feuilleton. Besonders sein Untertitel sprach an. „Auf dem Weg in eine andere Moderne“. Damit hatte die Stimmungslage einen Namen, der tiefer griff als die eben auch 1986 sich ereignende Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Eine Inflation gefühlter Risiken brach auf die Gesellschaft herein.

Jetzt, in der Nachspielzeit des 20. Jahrhunderts wird deutlich, was die Erschöpfung der utopischen Energie bedeutet. Die verschiedensten Krisen verdichten sich. Wir finden zwar ein Wort dafür, das der Zeitenwende, aber es fehlt der politische Wille, die soziale Kraft, vielleicht auch der intellektuelle Kompass, in der sich wendenden Zeit zu bestehen. Ich hole Peter Neumann zu uns auf die Seidlbank, noch so einer von der Clique der Redakteure aus der „Zeit“. Seine Zusammenfassung: „Wenn die utopischen Energien mit der französischen Revolution in die Geschichte einwanderten, dann sind sie heute aus ihr ausgewandert. Nur, niemand weiß, wohin.“

Du, Ödön, der du ernst und ironisch und mit Geist gegen Dummheit und Lüge kämpfst, ist die utopische Energie heute in deiner poetischen Kraft gelandet? Man könnte es glauben, beschaut man die zehn Tage mit denen du alle drei Jahre in Murnau, im einzigen Festival der Welt, das deinen Namen trägt, seit 1998 gefeiert wirst. 2450 Besucher soll es in diesem Jahr angelockt haben. Aber wird das Gesehene und Gehörte in ihren Köpfen arbeiten? Kannst du, Menschenzeichner, ihr Bewusstsein demaskieren oder dienst du doch nur als gesellschaftliches Ereignis? Der rote Hut auf deinem Denkmal im Kulturpark, die roten Plakate zu deinen Festivaltagen, die roten Accessoires an der Kleidung deiner Festivalbesucher: Kultur als Maske? „Utopische Energie gesammelt in poetischer Kraft?“ Ödön gluckst ironisch auf. „Es ist nicht zu hoffen, dass man Weltgeschehen beeinflussen kann, jedoch immerhin.“ Dieses Immerhin, das arbeitet in meinem Kopf. In ihm wohnte lange der Gedanke, dass die Murnauer Ödön nicht als Bürger wollten. Oft gelesen,
gern übernommen. Passte auch ins vermittelte Bild. Trotzdem Schmarrn. Sein Gesuch um Einbürgerung vom 7. April 1927 wurde nicht von den Murnauern abgelehnt.

Gabi Rudnicki, die Frau, die das neu erforscht hat und darüber wissenschaftlich publizierte, sie hat mich gerügt und überzeugt: Eine Einbürgerung in einen Ort gab es zu Horváths Zeit nicht mehr. Es ging um die Verleihung der bayerischen Staatszugehörigkeit. Damit wäre er Deutscher geworden. Das aber lehnte die Regierung von Oberbayern ab. Den Nachweis eines geregelten Einkommens, eines der vier Kriterien für eine positive Entscheidung, den konnte er 1928 nicht erbringen, hätte er wohl sein Leben lang nicht vorlegen können. Wenn ich auf die aktuelle hitzige Debatte über die deutsche Staatsbürgerschaft schaue, alles Déjà-vu.

Seit vierzig Jahren wird erbittert darüber gestritten, ob der deutsche Pass Beginn oder Abschluss einer erfolgreichen Integration ist. Alltagserfahrungen, ja auch das heute oft zitierte Argument wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen, dass ein Pass sehr wohl Integrationsdefizite ausgleichen kann, denn der Mensch wird als Bürger anerkannt, er hat es schriftlich in der Hand, du gehörst dazu. Ein Deutscher zu werden und trotzdem Ungar bleiben können, dein Traum Ödön einer humanen Gesellschaft. Können wir auf dieses Jamais-vu-Erlebnis noch hoffen? Du Ödön, hast eine Lösung gefunden. Ich zitiere noch einmal die Horváth-Kennerin: „Warum die Beschäftigung mit einem Weltbürger in Murnau zur Heimatpflege gehört“. Immerhin. Das Volk als Vaterland. Dafür hast du keinen deutschen Pass gebraucht. Wie aber werden wir zu einer humanen Gesellschaft? Wie du gegen Dummheit und Lüge schreiben, für Vernunft und Aufrichtigkeit eintreten? Wird das zum T-Shirt aller 52 Kalenderwochen des Jahres 2023?

Dieter Kirsch schlüpft 1x im Monat in das Gewand von Ödön von Horváth und setzt sich auf die Seidlbank.

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