Der Sommer war sehr groß

Einstimmung auf einen harten Winter … Weniger ist mehr? … Verzicht lernen: Die letzte Generation … Die erste Generation einer neuen Welt

Ödön auf der Seidlbank

Schau auf den schwarzen Wolkenbatzen, Ödön, du Wolkengucker, gleich wird er sich über uns lachend ausschütten und uns dabei zurufen: Hallo ihr Seidlbänkler, ich will euch daran erinnern, es ist der 1. September, der meteorologische Herbst beginnt. 73,5% freuen sich nach einer Befragung darüber, nur der Rest trauert dem Sommer nach. Lass uns Rilke zitieren, Ödön, ja, der Sommer, der war groß. Da stimmst du mir doch sicher zu, 837 Sonnenstunden, der sonnenreichste Sommer seit der Wetteraufzeichnung. Dabei gab es 1902, als Rilke das schrieb, weder einen Tankrabatt noch ein 9-Euro-Ticket. Rund dreiviertel der Deutschen wollen dagegen das, was Rilke so poetisch beschreibt: Es ist Zeit, leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Fluren lass die Winde los.

Es scheint, die Mehrheit will den Sommer wegblasen und mit ihm auch dessen Krisen: Corona, Ener-gie, Inflation. Da war ich ein Jahr alt, als Rilke das schrieb, murmelte Ödön vor sich hin. Toll, diese Verse. Noch toller finde ich die visionären danach: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Ja, Ödön, auch ein Rilke hatte einen sozialen Blick, nicht den deinen, zugegeben. Einen Lyrischen eben. Aber intensive, ja drängende Gedanken. Ein Heim fin-den, einen Platz in der Gesellschaft, das darf man nicht verpassen.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben. Und wird in den Alleen unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. Die Unruhe bei Rilke entspringt dem Suchen nach einer erfüllten Lebensweise. Wir, die wir vom sanften Robert Habeck auf einen harten Winter einge-stimmt werden, wir Notzeitpragmatiker sammeln Brennholz im Keller, wenn es in der Wohnung noch einen Ofen gibt, statt wie im Anfang der Pandemie die Abstellkammer mit Klopapier und Nudeln zu füllen. Wir sind dabei, uns vom Traum zu verabschieden, die Natur beherrschen zu können und Roh-stoffe ohne Rechnung in Betrieb zu nehmen. Dabei hat der sanfte Habeck schon den Preis genannt: Rund 2,4 Cent pro Kilowattstunde wird die Gasumlage betragen. Dazu die Stromkosten an den Gas-preis gekoppelt.

Und doch ein Witz: Die angesagten harten kommenden Zeiten könnten die Welt eher retten, als unser Wohlstand es bislang vermocht hatte. Weniger ist mehr? Darüber weiß die kluge Elisabeth von Thad-den, verantwortliche Redakteurin im Ressort Feuilleton der ZEIT viel mehr als ich. Sie meint, dass wir wirkliche Knappheit bekommen werden. Aber das könnte auch ein Antrieb sein. Für ein gutes Leben braucht es nicht viel. Wie aber kommen wir aus dem Wachstumswahn heraus, der uns in diese Krise geführt hat?

Es war nicht Einsicht, es war ein uns auferlegter Krieg, der uns zu dieser Erkenntnis geführt hat. Aus Einsicht hätten wir schon vor dreißig Jahren unsere Lebensweise verändern müssen, wären nicht die inzwischen mehr als zweihundert Kriegstage in der Ukraine nötig gewesen. Am 28. Juli war in diesem Jahr der Welterschöpfungstag. Er markiert, dass unser Lebensstil alle natürlichen Ressourcen der Erde, also Wälder, Wasser, Ackerland, Rohstoffe in diesem Jahr verbraucht hat, wir auf Pump leben. 2018 lag er noch zwei Tage später, im Jahr 2000 waren es noch knapp zwei Monate. Wir müssen also Verzicht lernen. Wenn aber Zwang uns zum Verzicht führt, fangen wir an zu blödeln.

Und so beginnen wir eine Diskussion, zum Beispiel über das Duschen. Wir erinnern uns tröstend, dass auch Goethe ohne tägliche warme Dusche einiges zur Kultur beitragen konnte, Luther auch ohne Gasheizung die Welt veränderte. Gas, das knappe Gut. Alles wird zum Verlust, selbst wenn es nur etwas weniger ist. Und Zwang macht rebellisch. Das lässt sich ändern, wenn die Knappheit alle be-trifft und wenn alle sie spüren. Knappheit kann uns aber auch zu anderen Gütern führen, zu immateri-ellen: Respekt. Freundschaft. Sicherheit. Gesundheit. Tätigsein. Muße. Ja, ja, ist schon gut, Frau Thadden. Vielleicht aber spüren wir jetzt, was notwendig ist, wenn wir das Zeitalter des grenzenlosen Konsums verlassen. Um dieses wir, um unsere Spezies geht es.

Unser Planet wird sich weiterdrehen, mindestens fünf Milliarden Jahre, schätzen Wissenschaftler. Wie lange er aber für uns bewohnbar bleibt? Eine Antwort weiß der Evolutionsbiologe, der bei mir auf der Seidlbank sitzt. „Selbst, wenn wir den Klimawandel stoppen, ist unser Leben in großer Ge-fahr. Geht das Artensterben so weiter, verlieren wir alle Mitlebewesen, die mit uns die Evolution ge-teilt haben. Auch das haben wir Jahrzehnte schon ignoriert. Die Biomasse der Insekten hat um drei Viertel abgenommen. Seit den Achtzigerjahren gibt es 300 Millionen weniger. Das Artensterben bleibt uns auch dann erhalten, wenn wir alle Probleme beim Klimawandel längst in den Griff bekom-men haben.“ Können wir ihm glauben? Immerhin, er heißt Matthias Glaubrecht.

Artenschutz ist also kein Luxus, zumindest 30 Prozent der terrestrischen Landfläche sollten von einer menschlichen Nutzung ausgeschlossen werden, um die Menschheit vor einem Kollaps der Artenvielfalt zu bewahren. Genau das aber will jetzt Deutschland ändern. Landwirte sollen die geplanten nutzungsfreien Flächen nutzen dürfen, um Getreide anzubauen, Sonnenblumen und Hülsenfrüchte, haben wir doch neben der Energie und Klimakrise jetzt auch eine in der Ernährung der Weltbevölkerung. Artenschutz also doch Luxus? 193 Millionen Menschen in 53 Ländern leiden Hunger, so ein UN-Report. Vor zwei Jahren waren es noch 40 Millionen weniger. Putin ist schuld? Beim jüngsten G-7-Gipfel in Elmau haben die dort versammelten Regierungschefs 4,3 Milliarden Euro gegen den Hunger angekündigt. Das Welternährungsprogramm der UN benötigt aber rund 22 Milliarden, geht bei reichen Geberländern betteln, weil sie Ländern wie dem Jemen aus Geldmangel bereits die Hilfsrationen zusammenstreichen müssen. Brot statt Artenvielfalt? Ein Skandal.

Ich sitze auf der sanften Seidlbank und kann mich zumindest mit einer Überschrift im Tagblatt trösten: Kultur-Knaller: Festival mit Rekord-Erlös. 4.000 Besucher, 60.000 Euro Erlös. Das sind sie, die Recken im Verein „Menschen helfen“, die schon lange den notwendigen Schritt erkannt und gewagt haben, den hin zu den immateriellen Gütern, wie oben beschrieben. Der Sommer, der die Lebensfreude zurückgebracht hat, die Lust, sich wieder zu treffen und zu feiern, dieser Verein hat die Möglichkeit geschaffen für eine Investition in die Zukunft von Menschen. Mit vier Ministranten hat er 1991 begonnen, ein Krieg vor unserer Haustür war schon damals der Auslöser. 1993 wurde daraus ein Verein, der mit kulturellen Großprojekten die Idee verwirklichte, Geld für Hilfsprogramme zu sammeln. Jugendliche und junge Erwachsene haben inzwischen 29-mal den „kulturknall“ am vorletzten Juliwochenende an überraschenden Plätzen in Murnau und Umgebung organisiert. 70 Mitglieder des Vereins, 100 Festivalhelfer.

Sozialer sein wird heute von Jugendlichen gefordert. Und ein beliebter Politiker tönt: Unsere Zeit bietet auch eine Chance, etwas Großes zu leisten: unser Land zusammen durch die Krise zu bringen. Hier in Murnau, ein kleines Beispiel für das Zusammen. Bewundernd auch, wo doch die Demografie jetzt schon voraussagt, dass die Jugend absehbar steigend belastet wird in unserer alternden Gesellschaft durch ein ächzendes Sozialsystem und eine ächzende, ausgebeutete Erde.

Und in der Welt? Die Greta-Generation hat sich in der internationalen Initiative „2gether“ gefunden, da sie in den Parteien, den „riesigen fremdartigen Apparaten“ nicht ernst genommen wird. Ein Beleg? Ein anderer bekannter, wenn auch weniger beliebter Politiker liefert ihn: „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie globale Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und ökonomisch Machbare sehen. Das ist Sache der Profis.“ Die 23.000 Forschende in „Scientists4Future“, die wissenschaftliche Stütze der Klimabewegung “2gether“, die sind es nicht?

Die Klimabewegung bohrt sich immer tiefer in die Verzweiflung. „Fridays for Future“ nährte sich noch von der Hoffnung, es reicht, die Klimakrise nachdrücklich genug zu erklären, dann werden die Menschen schon losrennen, um das brennende Haus, die Erde zu löschen. Die vielen unsichtbaren Widerstände in der Realpolitik nahmen den Schwung weg. Daraus erwuchs die Gruppe der aussterbenden, der „Extinction Rebellion“ mit Trauermärschen, totenblass geschminkten Gesichtern. In London entrollten sie an der Westminster Bridge das Banner „We’re fucked“, wir sind am Arsch. Jetzt ruft die „Letzte Generation“: Stoppt den fossilen Wahnsinn, „Öl sparen statt bohren“ steht auf der Hand eines Aktivisten, die er auf dem Straßenbelag festklebte. Und sie verschenken öffentlichkeitswirksam containierte Lebensmittel, um die Wegwerfgesellschaft anzuprangern. Und was kommt jetzt, die allerletzte Generation?

Es wird Zeit, dass die erste Generation einer neuen Welt kommt, eine bunte, taktisch fröhliche, auch wenn ihr nach Weinen zumute ist. Anstatt die planetare Krise in noch dunklere Farben zu tauchen, könnte sie bunt, kleiner und beherrschbarer erscheinen. Schönfärberei? Schaut, es gibt nicht nur kapitalistisches Wachstum, das zwangsläufig in ein kollektives Suizid führt. Wären die Recken des Kulturknalls in Murnau so ein Beispiel für eine erste Generation einer neuen Welt? Gibt es nicht doch noch mehr Positives?

Hochrechnungen vor einem Jahrzehnt nannten einen Temperaturanstieg beim damaligen Kurs der Klimapolitik von vier bis fünf Grad. Aktuell steuern wir auf 2,9 Grad zu. Noch immer die Hölle. Ich rette mich zu Nick Longrich, wieder ein Evolutionsbiologe, wieder mit so einem verheißungsvollen Namen. „Das Pariser Klimaabkommen ist keineswegs unrealistisch. Wir sind auf dem richtigen Weg. Aber wir schaffen es nur, wenn wir optimistisch sind. Wir haben die Möglichkeiten, die Welt zu retten. Wir haben kostenlose Energie, die einfach vom Himmel fällt. Das ist doch etwas Positives.“ Ich will ihm schon zunicken, da gibt mir Ödön einen kräftigen Stups, hält mir ein Zitat von ihm vor die Nase: „Sie werden schon sehen, dass jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest.“ Ich rümpfe die Nase. Sollten es die Oberammergauer gewesen sein, die 1634 den richtigen Weg gewählt haben?

Dieter Kirsch schlüpft 1x im Monat in das Gewand von Ödön von Horváth und setzt sich auf die Seidlbank.

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