Vom Mai, dem Aufbruch in der Natur und den Maibäumen. Vom Aufbruch der Kultur und der Hoffnung. Oberammergau, oder wie die Welt besser und heller werden kann.

Ödön auf der Seidlbank

Ja, Seidl, der Mai ist gekommen. Ich lege mal meine Heimatzeitung auf deine Bank, streichle sanft über ihre wohltuende Glätte und stelle mir vor, welches der vielen Maienlieder aus ihrem Repertoire wohl seine aus Siebenbürgen stammende Mutter zu dieser Jahreszeit im Garten gesungen hat. Sicher war auch das dabei vom Mai, der wieder einmal gekommen ist. Der Mai, in dem die Bäume unverdrossen ausschlagen, auch heute, wo seit 91 Kriegstagen 1500 Kilometer von uns entfernt Bomben in sie einschlagen.

Vierzehn Maibäume, so verkündet die Heimatzeitung, haben sie in der Region Murnau mit Muskelschmalz in die Vertikale gebracht, eine Maibaumschwemme, ausgelöst durch die zweijährige Kontaktsperre in der Coronapandemie. Der geforderte Abstand lässt sich natürlich nicht einhalten bei der Handarbeit des Schepsens, dem Schälen und Glätten der gestifteten Fichte, beim Aufstellen des Baums mit Stangenpaaren, den Schwalben. Tatkräftiges Handeln braucht Nähe, stärkt aber auch die Gemeinschaft, auch das, was danach zu manchem Techtelmechtel zwischen Muskelspiel und Dirndltuscheln führt. „Die Maibäume stehen heuer für Aufbruch“, meint der Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, hält es für ein wichtiges Zeichen „gegen die schleichende Verbiedermeierung“ der Gesellschaft.

Ich streiche noch einmal über das glatte Weiß. Was meinst du dazu, Emanuel? Der Mai ist gekommen. Und damit, Ödön, ist auch das Singen wieder aufgebrochen, nicht nur das der Maienlieder deiner Mutter im Garten. Neben dem Staffelseechor, so las ich in deiner Heimatzeitung, gibt es in der Kulturwoche auch ein Konzert des Kulturvereins Al Minassa „Inanas Töchter“. Sechs Frauen aus sechs Ländern stellen vier arabische Musikkulturen vor. Viermal, so hat der geschrieben, der als Ödön auf meine Bank geschlüpft ist, habe er in seiner Schulzeit die Unterrichtssprache gewechselt. Mit vierzehn Jahren habe er den ersten deutschen Satz geschrieben. Aufbruch durch Sprache. Ein Zeichen der Hoffnung.

Nötig, Emanuel, in diesen Zeiten, in denen  trotz Mai eisige Zeiten herrschen. Aufbruch durch Kultur. In Murnau eine, in Oberammergau zwanzig Wochen lang, das 42. Passionsspiel. Eine simple und zugleich eine ansteckende Botschaft: Es liegt an uns, die Welt heller, besser zu machen. Ich hole mir Christine Dössel auf die Bank. Seit 1990 ist sie Theaterkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung, zehn Jahre später dann dort auch Redakteurin im Feuilleton, Jurorin für das Berliner Theatertreffen. Sie hat die Premiere besucht. „Ja, was von Jesus überliefert ist, ein Gedanke von stupender Einfachheit, Wahrheit und Schönheit. Und so auch von Stückl inszeniert. Da stehen in der Schlussszene Maria und die sie umgebende Schar alle mit einem Kerzenlicht dar, entzünden es an dieser einen Flamme, die ein junger blonder Mann, ein ‚Engel’, als Zeichen für die Auferstehung des ermordeten Jesus herbeigebracht hatte, und das dann weitergegeben wurde von einem zum andern. ‚Ihr seid das Licht der Welt’. Und dieser Jesus ist in dieser Passion mehr noch als früher Mensch unter Menschen, nahe dran unter den Armen und Geflüchteten. Ein christliches Spiel. Ein religiös-politisches Lehrtheater.“ Sagt’s und verschwindet. Nachdenklich bleibe ich auf meiner Bank zurück. Ob die entzündete Flamme über die Oberammergauer Bühne hinausreicht? Ob dieser sozialistische Jesus bei dem gewappelten Premierenpublikum eine Chance hat, mitgenommen zu werden in ihre Welt? Ist die Chance vielleicht größer beim Publikum der nächsten hundert Aufführungen, sicher weniger materiell und gesellschaftlich privilegiert? Werden sie die Botschaft der Flamme auf dem Bühnenboden des Passionstheaters in diese ihre Welt hineintragen? In eine Welt, die doch heute genau so ist, wie sie vor zweitausend Jahren war? Vernunft siegt sicher nicht. Der Mensch ist ein merkwürdig unvernünftiges Wesen.

Doch da fällt mir noch ein anderer Aufbruch im Mai ein, ein politischer. Vor dreiundsiebzig Jahren wurde am 23. Mai das Grundgesetz verabschiedet. Und darin ein einfacher, aber mächtiger Satz. Elisabeth Selbert, eine der vier Mütter des Grundgesetzes, hat ihn formuliert. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Erst abgelehnt, wurde er durch ihre Hartnäckigkeit zum „unveräußerlichen Grundrecht“ aufgenommen. Wie viel Widerstand zu brechen war, das zeigt mir ein anderes Datum. Neun Jahre danach war es erst möglich, dass Frauen ein Bankkonto eröffnen durften. Heribert Prantl, Autor, Journalist, Jurist, hat vor etwa fünf Jahren ein Buch geschrieben:

„Die Kraft der Hoffnung“. Den hol ich mir jetzt noch auf meine Bank, frage ihn nach der Kraft von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. „Meine Antwort ist ganz kurz: Ja. Mit drei Ausrufezeichen. Es ist zwar kalendarisch Frühjahr, aber de facto ist Eiszeit. Wir brauchen Eisbrecher. Friedensstifter in der Gesellschaft und zwischen verfeindeten Staaten. Unser katastrophisches Denken ist gefährlich. Es zerstört Hoffnung. Sie aber ist nötig, um Krisen zu bewältigen. In der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln.“ Ich denke noch einmal an das Schlussbild in Oberammergau und an den dort gezeigten Mensch unter Menschen. Nachdenklich greife ich noch einmal zu der abgelegten Heimatzeitung auf meiner Bank. Die oft in ihr zu findenden Belege negativer Kritik, dienen sie den Politikern allein dazu, selbst positiv dazustehen? Wie wohltuend dann von etwa eintausendachthundert Kindern und Jugendlichen zu lesen, die zu einem Spendenlauf durch Murnau starten „Gemeinsam für die Ukraine“. Ich denke weiter. Ein paar verrückte Schüler bringen Millionen Menschen in der Klimakrise dazu, ihr Leben zu ändern. Was könnten wir erreichen, wenn wir alle es wirklich versuchen würden. Ja, Ödön, in den ich schlüpfe, das hast du doch einmal geschrieben: Mancher müsste in einen Zerrspiegel schauen, um erträglicher auszusehen. Auf, zum Zerrspiegelkauf.

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