Ein gutes Stück Menschsein

Songs des Jahres … Ode an die Fliege … Ein Schluck auf das Vertrauen

Ödön auf der Seidlbank

Toll, Emanuel, deine Bank ist freigefegt. Nur die Schuhe drücken noch ihren Abdruck in den Schnee. Bergschuhabdrücke. Klar, Ödön, der Bergfreund, lässt seine Berliner Fußbegleitung bei diesem Wetter natürlich zu Hause, anders als die Touris, die meinen, mit Sneakers schnell mal grad den Karwendel Höhenweg testen zu können. Die Bergwacht kann ein Liedl davon singen.

Was singen wir jetzt Ödön? Ich habe eine Kerze mitgebracht, Glühwein von der Hütte vom „da noi“ gegenüber und ein Stück Quarkstollen, mein geliebtes Weihnachtsgebäck. Eröffnen wir unser Bankgespräch mit einem Song zum Thema des Jahres, dem Klimawandel und wie er eingedämmt werden kann? Mit Sir Paul McCartney, dem alten Beatle? „Despite repeated warnings“, trotz wiederholter Warnungen? Ödön meldet sich: Wie wär‘s mit Rio Reiser, „Wenn, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?“

Ein Gespräch unter Vertrauten, bemerkt unser Gastgeber bei dem wir sitzen, das habe ich oft als ganz wunderbar erfahren, obwohl es auch ganz heftig zugehen konnte, wenn der Malerfürst* mit dem Illustrator* für den „Simplicissimus“ und dem Bildhauer* mit dem kolonialistischen Weltbild draußen im Garten auf einer Bank saßen. Ein Schluck auf das Vertrauen aus dem Glühweinbecher. Ja, Vertrauen kann in Gesprächen zu Lösungen führen.

Siebenundzwanzig UN-Weltklimakonferenzen haben die Klimakrise nicht beendet. In ihnen sind immer nur Fronten aufeinandergetroffen, es waren nicht die Menschen, die sich begegneten, Menschen, die sich vertrauten. Und jetzt im Dezember trifft sich zum fünfzehnten Mal die Weltbiodiversitätskonferenz. Ein globales Abkommen wird verhandelt, das Natur, Ökosysteme und Arten schützen und die belohnen soll, die sie bewahren. Für den Klimaschutz gibt es das 1,5-Grad-Ziel, für die Natur gibt es bislang keine verbindliche Absprache. Da gibt es viel zu tun. 112 000 Tierarten, weltweit gefährdet, 32.000 stehen unmittelbar vor ihrem Absterben. Drei Viertel aller globalen Naturräume, aus dem Gleichgewicht. 85 Prozent aller Feuchtgebiete, verschwunden. Die Hälfte aller Korallenriffe, abgestorben. Die Menschheit eine
Massenvernichtungswaffe. Zu heftig formuliert? 8 Milliarden Menschen gegen den Rest des Lebens. Sanfter formuliert? Wenn wir so weitermachen, schreibt Fritz Habekuß, können wir uns selbst auf die Liste der bedrohten Arten setzen.

Habekuß, Wissenschaftsjournalist, wieder so einer aus der Clique der ZEIT. In seiner Ode an die Fliege beschreibt er die Biodiversität als Basis allen Lebens, auch des unseren.

Beispiel Fliege. Sie bestäubt Blüten. Sie ernährt Vögel. Die verteilen Samen. Daraus wachsen Bäume. Und Franz Hohler, Schriftsteller, Kabarettist, Liedermacher, der Mann mit dem Cello, hat aus dieser Kettenreaktion 1983 schon sein „Lied vom Weltuntergang“ geschrieben und auf die Bühne gebracht. „Auf einer ziemlich kleinen Insel im südlichen Pazifik wird ein Käfer verschwinden, ein unangenehmer.“ So fängt er bei Hohler an, der Weltuntergang, mit einem dreckigen Käfer. Zwanzig Jahre später kommt Greta Thunberg auf die Welt, um wieder zwanzig Jahre später den Mächtigen dieser Welt in der UN-Klimakonferenz mit brennendem Zorn die Leviten zu lesen. „Wie könnt ihr es wagen! Kindheit zerstört. Tier- und Pflanzenarten ausgerottet. Die Zukunft der Menschheit aufs Spiel gesetzt. Ihr redet nur statt zu handeln. Wie könnt ihr es wagen!“

Du Seidl, du hast gehandelt, hast der Welt einen Park geschenkt, Landhäuser, oft Villen genannt, Bahnhöfe, eine Schule, eine Turnhalle, ein Elefantenhaus. Du hast ein Dorf verschönert, zwanzig Fassaden in farbenfrohem Design machen die ehemalige Markstraße noch heute zur Flaniermeile. Ein gutes Stück Poesie, so hast du geschrieben, sei der Schwerpunkt der Architektur. Du, Horváth, du hast mit deinen Dialogen gewirkt, den Widerspruch zwischen Sagen und Meinen, zwischen Reden und Handeln entlarvt.

Wer demaskiert die Politik in Montreal beim Ringen um ein Weltnaturabkommen? Der Club of Rome, die hundert Experten verschiedenster Disziplinen? Vor 50 Jahren haben sie „Die Grenzen des Wachstums“ aufgezeigt. Gerade jetzt, zum Beginn in Montreal, haben sie einen neuen Report vorgelegt. „Earth for All“ nennt die wichtigsten Maßnahmen, mit denen eine lebenswerte Zukunft der Menschheit noch möglich wäre. Mit fünf Kehrtwenden können wir in den kommenden Jahrzehnten das Steuer menschlicher Entwicklung noch zum Positiven wenden. Armut beenden, Ungleichheit beseitigen, Frauen ermächtigen, ein neues für die Menschen und Ökosysteme gesundes System der Nahrungsmittel aufbauen und zum Einsatz sauberer Energie übergehen.

Ein gutes Stück Menschsein wird da gefordert, murmeln Emanuel und Ödön fast im Chor. Und da kommt die Nachricht aus Montreal: Es ist tatsächlich geschafft. Die dort versammelten Länder, fast 200, haben sich auf 23 Ziele geeinigt, ganz konkret zum Beispiel auf die Halbierung des Pestizideinsatzes und darauf, dass bis 2030 mindestens 30 Prozent der Landschaft und der Meere zu Schutzgebieten werden. Starke Ziele. Ein starker Anfang. Beifall von Emanuel und Ödön. Jetzt aber ist auch jeder Einzelne aufgefordert, sein Reden in Handeln umzusetzen. Wäre ein gutes Stück Menschsein murmeln da noch einmal die Beiden. Eigentlich ganz einfach, ergänzt Navid Kermani, den ich gerade noch auf die Bank dazu geholt habe.
„Mein Großvater, gerade aus dem Iran nach Deutschland gekommen, hat einen Satz gesagt, der mich sehr geprägt hat. Es ist wichtiger, ein guter Mensch zu sein als ein guter Muslim“. Nachdenklich schnüffle ich über meinem Glühweinbecher, wecke Adventsgedanken. Feiern wir da nicht die Geburt eines guten Menschen? Wenn, wenn nicht jetzt? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir? Noch brennt ja die Kerze.

* Gäste bei Emanuel Seidl in seinem „Gelobten Land“:
Malerfürst: Franz von Lenbach
Illustrator: Julius Diez
Bildhauer: Fritz Behn

Dieter Kirsch schlüpft 1x im Monat in das Gewand von Ödön von Horváth und setzt sich auf die Seidlbank.

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